Insight 1: Wie Hören wirklich funktioniert

Das periphere Hören, also alles, was im Ohr selbst stattfindet, umfasst lediglich rund 30 Prozent der Gesamtleistung des Hörens. Es ist die physische Verarbeitung von Schall: der Weg vom Außenohr über das Trommelfell und die Gehörknöchelchen bis zur Umwandlung der mechanischen Reize in elektrische Signale durch die Haarzellen der Cochlea. Diese Informationen gelangen dann über den Hörnerv ins Gehirn – und ab dort beginnt der deutlich größere Teil der Arbeit: das kognitive Hören.
Im Gehirn angekommen, wird der Schall zunächst bewusst wahrgenommen, anschließend analysiert, bewertet, interpretiert und in einen Sinnzusammenhang gebracht. Wir filtern Wichtiges von Unwichtigem, erkennen Muster, ordnen Geräusche räumlich zu, fokussieren uns auf bestimmte Stimmen – etwa in lauter Umgebung – und interpretieren emotionale Feinheiten wie Ironie, Empathie oder Unsicherheit. All das ist kein „automatischer“ Vorgang, sondern ein hochkomplexes Zusammenspiel neuronaler Prozesse, das ebenso trainiert werden kann wie ein Muskel. Wir nennen das auch Neuroplastizität.
Die technische Verstärkung durch moderne Hörgeräte ist heute zweifelsohne ein Meilenstein der audiologischen Versorgung. Aber sie adressiert eben nur den peripheren Teil des Hörens. Wer verstehen will, muss mehr leisten – insbesondere, wenn der Hörverlust bereits über einen längeren Zeitraum besteht. Denn wer weniger hört, verlernt das Verstehen mit der Zeit – ein Phänomen, das man als Hörentwöhnung bezeichnet. Hier setzt kognitives Hörtraining an, das die zentrale Hörverarbeitung gezielt fördert und in Kombination mit Technik nachhaltige Erfolge erzielen kann.
Hinzu kommt, dass viele Menschen mit Hörminderung nach einer Versorgung mit Hörgeräten zunächst frustriert sind. Sie hören zwar mehr – empfinden das Gehörte aber oft als unnatürlich, anstrengend oder überfordernd. Diese sogenannte Reizüberflutung liegt nicht an der Technik, sondern oft an der fehlenden Verarbeitungskompetenz im Gehirn. Erst wenn Technik und Training zusammenspielen, entsteht ein echter Zugewinn an Lebensqualität und Teilhabe – ob im Beruf, im sozialen Umfeld oder im Alltag.
Das Verständnis von Hören muss sich daher grundlegend ändern. Es geht nicht mehr nur um Dezibel, Frequenzbereiche und Kurvenverläufe im Audiogramm. Es geht um den Menschen als Ganzes – mit seinen kognitiven Fähigkeiten, seiner Kommunikationsumgebung, seinen beruflichen Anforderungen und seiner individuellen Belastbarkeit in seiner momentanen Situation.
Ein modernes Versorgungskonzept muss daher interdisziplinär angelegt sein. Hörgeräteakustik, Hörtherapie und bei Bedarf auch Hörcoaching und psychologische Begleitung ergänzen sich zu einem ganzheitlichen Ansatz, der auf Verständnis statt nur auf Verstärkung setzt. Gerade im beruflichen Kontext – bei der Nutzung von Telefonen, in Meetings oder bei Präsentationen – kann die richtige Kombination aus Hörsystemen und Zusatztechnik (z. B. Auracast-Streaming, Konferenzanlagen oder Spracherkennungssysteme) entscheidend für den Erfolg sein.
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